Das Bedürfnis nach Sicherheit ist tief in uns verankert. Doch was geschieht, wenn unser Streben nach diesem Zustand dazu führt, dass wir gesellschaftliche Herausforderungen nur noch als eine Bedrohung wahrnehmen?
Wenn aus dem Wunsch nach Schutz ein Mechanismus der Ausgrenzung wird, dann wird am Ende genau das Gegenteil bewirkt: mehr Unsicherheit.
Dieses sozialwissenschaftliche Phänomen wird unter den Begriff „Versicherheitlichung“ (engl.: securitization) definiert. Demnach werden soziale Probleme wie Flucht, Migration, Armut oder auch Suchterkrankungen nicht länger als komplexe Aufgaben verstanden, die solidarische und soziale Lösungen erfordern, sondern werden sie zunehmend als Gefahr oder Risikofaktor für die öffentliche Ordnung und Sicherheit dargestellt.

An die Stelle von sozialer Arbeit und Integration treten Abschreckung, strenge Regeln, verschärfte Kontrollen und im Extremfall sogar die Strafverfolgung. Die Reaktion der Gesellschaft verlagert sich damit von der Linderung von Not und der Bekämpfung von Ursachen hin zur reinen Abwehr einer vermeintlichen Gefahr.
Aus Hilfe wird Abschreckung und Kontrolle
Paradoxerweise kann eine übersteigerte „Versicherheitlichung“ die Gesellschaft unsicherer machen, anstatt sie zu schützen. Die ständige Thematisierung von Sicherheitsproblemen erzeugt in der Bevölkerung Angst. Diese Angst wiederum schafft Akzeptanz für immer weitreichendere Sicherheitsmaßnahmen, die jedoch oft einen hohen Preis haben.
So können diese dazu führen, dass ganze Personengruppen unter einen Generalverdacht gestellt und mit dem Stigma des „Gefährders“ versehen werden. Ein anschauliches Beispiel hierfür ist die öffentliche Debatte über islamistischen Terrorismus, die dazu führen kann, dass Muslime pauschal als potenzielle Terroristen wahrgenommen werden. Diese Ausgrenzung spaltet die Gesellschaft, gefährdet den sozialen Frieden und kann genau jenes Klima der Abgrenzung schaffen, das die Gewaltbereitschaft erst fördert. Der Versuch, Sicherheit zu maximieren, erzeugt somit genau neue Sicherheitsrisiken.
Fazit
Die „Versicherheitlichung“ setzt eine gefährliche Dynamik in Gang, bei der soziale Probleme zu Sicherheitsrisiken umgedeutet werden und Kontrolle die Hilfe ersetzt. Dieser Prozess riskiert nicht nur unsere Freiheit, sondern sät durch Angst und Ausgrenzung den Keim für neuen Unfrieden. Wir sollten uns daher fragen: Welche Art von Gesellschaft wollen wir sein – eine, die hilft, oder eine, die kontrolliert?
